Die Vorsitzende des Weißenfelser Musikvereins „Heinrich Schütz“, Heidi Föhre, hat am 9. Juni 2026 ein historisches sogenanntes „Tenorstimmbuch“ an den Leiter des Heinrich-Schütz-Hauses, Dr. Maik Richter, übergeben.
Der im Jahr 1603 in Venedig gebundene Sammelband umfasst 712 Seiten und enthält ausschließlich die jeweiligen Tenorstimmen aus 27 italienischen Madrigalbüchern. Das Kulturamt der Stadt Bernburg verkaufte das Buch am 15. April 2026 für 400 Euro an den Weißenfelser Musikverein. Nach der Wiedereröffnung des Heinrich-Schütz-Hauses soll der historische Band Bestandteil der dortigen Ausstellungen werden.
Dr. Maik Richter wurde bereits im Herbst 2025 auf den 20,5 Zentimeter breiten und 15 Zentimeter hohen Band aufmerksam. Das Kulturamt Bernburg hatte das Buch zunächst als Dauerleihgabe angeboten.
Der Band stammt aus dem Nachlass des früheren Musikdirektors des Bernburger Theaters, Joseph Kühberger. Dieser war in den 1950er und frühen 1960er Jahren am Bernburger Theater tätig und verstarb vermutlich in den 1960er Jahren.
Der promovierte Musikwissenschaftler Maik Richter erkannte schnell den außergewöhnlichen historischen und musikalischen Wert des Buches. Daraufhin führte er Gespräche mit der Stadt Bernburg über einen möglichen Verkauf und überzeugte die Mitglieder des Weißenfelser Musikvereins „Heinrich Schütz“ vom Erwerb des wertvollen Objekts.
„Für mich war der Fund dieses Konvoluts von Tenorstimmbüchern, die zu einem großen Madrigalband zusammengestellt wurden, ein glücklicher Zufall“, sagte der Leiter des Heinrich-Schütz-Hauses bei der Übergabe.
Besonders beeindruckend sei die Vielfalt der Madrigalkompositionen aus der Zeit der Kindheit und Jugend von Heinrich Schütz. Ebenso bemerkenswert sei der hervorragende Erhaltungszustand des mehr als 400 Jahre alten Papiers. Der Band weise kaum Gebrauchsspuren auf. Einige der bedruckten Papierbögen seien an einzelnen Stellen sogar noch unaufgeschnitten.
„Ich danke dem Vorstand des Weißenfelser Musikvereins ‚Heinrich Schütz‘ ausdrücklich für sein herausragendes Engagement zugunsten des Komponistenmuseums“, betonte Maik Richter.
Dass der Musikverein den Erwerb solch einzigartiger Kunst- und Kulturgüter gern unterstützt, bekräftigte Vereinsvorsitzende Heidi Föhre bei der Übergabe.
„Dr. Richter hat uns nicht lange überzeugen müssen“, sagte sie. „Es ist uns ein wichtiges Anliegen, solche Kleinodien für die Gäste des Heinrich-Schütz-Hauses in Ausstellungen erlebbar zu machen.“
Das „Tenorstimmbuch“ bleibt auch nach der Übergabe im Besitz des Weißenfelser Musikvereins „Heinrich Schütz“. Dem Heinrich-Schütz-Haus wird es als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Derzeit befindet sich der historische Band im Interimsdepot des Museums im Schloss Neu-Augustusburg.
Das „Tenorstimmbuch“ enthält Werke bedeutender Komponisten des 16. Jahrhunderts, darunter Giaches de Wert, Ruggiero Giovannelli, Girolamo Belli, Luca Marenzio und Benedetto Pallavicino. Die Komponisten wirkten unter anderem in Ferrara, Mantua und Rom.
Die im Buch enthaltenen Madrigale können auch heute noch vollständig aufgeführt werden. Die dazugehörigen Stimmbücher für Sopran I, Sopran II, Alt und Bass befinden sich in verschiedenen Bibliotheken, unter anderem in Antwerpen, Bologna, Brüssel, Danzig, Krakau und London.
Der ursprüngliche Besitzer des mittels Fadenheftung gebundenen Sammelbandes ist bislang unbekannt. Auf dem Einband befinden sich neben der Jahreszahl „1603“ und der Bezeichnung „Tenor“ lediglich die Initialen „ABVHVD“.
Maik Richter vermutet, dass der damalige Besitzer zwischen 1560 und 1580 geboren wurde und aus einem wohlhabenden, vermutlich adeligen Umfeld stammte. Musikdrucke und aufwendige Buchbindearbeiten waren in der Frühen Neuzeit ausgesprochen kostspielig und damit nur für vermögende Personen erschwinglich.
Der historische Band enthält ausschließlich Madrigale. Diese meist mehrstimmigen Gesangsstücke gehörten zu den wichtigsten weltlichen Musikformen der Renaissance und des Frühbarocks.
Ab den 1620er Jahren wurden Madrigale nach und nach von neuen musikalischen Formen wie der Oper und dem Singspiel verdrängt. Die zugrunde liegenden Texte bestanden überwiegend aus Liebesdichtungen und Stimmungslyrik. Darüber hinaus wurden auch moralische Gedichte und geistliche Texte als Madrigale vertont. Vor allem erotische Liebeslyrik erfreute sich im 16. Jahrhundert großer Beliebtheit.
Auch der erste von Heinrich Schütz veröffentlichte Musikdruck, der 1611 in Venedig erschien, enthielt ausschließlich Madrigale. Die Sammlung umfasste 18 fünfstimmige sowie ein achtstimmiges, doppelchöriges Madrigal.
Anhand dieser damals äußerst populären Musikform erlernten zahlreiche angehende Komponisten ihr musikalisches Handwerk. Das historische „Tenorstimmbuch“ bietet somit einen unmittelbaren Einblick in die Musikkultur zur Zeit des jungen Heinrich Schütz.